Medienprofi Nicolaus Geretshauser zum Tod von Alfred Biolek

Medienprofi Nicolaus Geretshauser zum Tod von Alfred Biolek

Als ich Nicolaus Geretshauser, 78, vor Jahren zum ersten Mal begegnete, war er Sendeleiter bei RTL und dort verantwortlich für Auswahl- und Ausbildung der Moderatoren. Journalismus gelernt hat der geborene Münchner 1964 /65 an der Deutschen Journalistenschule in München. (Der Schule, aus der später Sandra Maischberger und Günter Jauch hervorgingen.) In den USA, als photo editor im New Yorker Büro des Stern angestellt, konnte er zwischen 1967 und 1971 beobachten, wie amerikanische Talkmaster ihre Gäste zum (aus-)“plaudern“ verführen. Zurück in Deutschland betreute er als Chefredakteur zunächst Esquire Deutschland, später M – das Magazin für die mobile Generation (beide München).

Der erste Couch-talk im deutschen Fernsehen: 1977 moderierten Alfred Biolek (rechts) und Dieter Thoma (Mitte) gemeinsam die WDR-Sendung „Kölner Treff“. (links Nicolaus Geretshauser )

Von 1977 bis 1985 hat er acht Jahre mit Alfred Biolek zusammengearbeitet. Seine TV Karriere beendete er (1998) als Manager Day to Day Operations bei SAT.1 (Mainz/ Berlin). Heute berät, schult und trainiert er Führungskräfte aus deutschen Unternehmen ehe sie vor die TV Kamera treten. Manchmal bringt er auch neue Ideen für mein Online Magazin ein. Jetzt hat er einen sehr persönlichen Nachruf auf den großartigen und kürzlich verstorbenen Alfred Biolek geschrieben. Ich teile ihn gerne mit den Lesern des Kölner Newsjournal.

Am Freitag, 23. Juli 2021 starb Alfred Biolek, 87, in Köln. Nachfolgend erschienen in verschiedenen Zeitschriften Nachrufe, die den Menschen hinter der Mattscheibe portraitierten. Sie ließen unerwähnt, wie und wo sich Alfred Biolek den Erfolg auf der Mattscheibe erarbeitete. Ich habe von 1977 bis 1985 mit Alfred Biolek zusammengearbeitet. Zunächst als freier Mitarbeiter des WDR für die Sendung „Kölner Treff,“ später als Redakteur „verantwortlich Beiträge Wort“ in der Pro GmbH, seiner Kölner Produktionsgesellschaft in der Richard-Wagner-Straße. In diesen Jahren habe ich den Doktor der Jurisprudenz als scharf-sinnigen Denker kennengelernt. Er brauchte gewiss keine Ratschläge von uns jüngeren Mitarbeitern. Gleichwohl erkundigte er sich oft nach unseren Eindrücken und Einschätzungen. Für „Meinungen“ forderte er Begründungen. So lehrte er uns zu urteilen statt zu richten. Dabei wusste er sich und seine Interessen gut abzugrenzen, von kommerziellen Überlegungen ebenso wie von technischen Zwängen.

Er hat Neues gewagt und oft Unverständnis dafür geerntet. Woran sollten seine Kritiker auch Maß nehmen, wenn es für Neues kein Vorbild gibt?  So titelte BILD nach der ersten Ausgabe von Bio’s Bahnhof mit fetten Lettern auf der Titelseite: „Soll das Unterhaltung sein – Bio?“ Nun- es wurde Unterhaltung. Warum hat er sich trotz aller Wagnisse nie „verhoben“? Antwort 1: Weil er vieles, einschließlich sich selbst, vorher in kleinem Rahmen ausprobierte. Seine Gespräche auf der Couch bzw. in der Sendung „Bio’s Boulevard“ (1991 – 2003) testete er in Form und Länge während vieler Abende im Kölner Senftöpfchen Theater, auch im Bonner Kontrakreis. Titel der Veranstaltungen: „Wer kommt, der kommt“. Dort entwickelte er seine Gesprächsführung zu der Kunstform, bei der man viel über Menschen erfuhr – jenseits des abgegriffenen Frage-Antwort-Ping-Pongs. Auf einer Kleinkunstbühne machte er zu Freiburger Studentenzeiten seine ersten Schritte als Entertainer. Und auf einer Kleinkunstbühne fiel auch 2017 der letzte Vorhang seines auto-biografischen Stücks „Mein Theater mit dem Fernsehen“.  Zehn Jahre nachdem er seine letzte TV-Sendung abgedreht hatte.

Auch seine Kochkünste übte er jahrelang als Gastgeber für Stars und Sternchen in der eigenen Küche, ehe er mit „Alfredissimo“ (1994 – 2007) und einem Kochlöffel in der Hand, vor ein breites Fernsehpublikum trat. Die Studio-deko, ein 1:1 Nachbau seiner Kölner Küche. Übrigens, in der Pro GmbH gab es kein Besprechungszimmer, wohl aber eine Küche nebst einem langen Tisch. Alle fanden daran Platz, wenn eine Sendung zusammengestellt wurde: Regisseur, Produzent, Bühnenbildner, und die Redakteure für Musik und Wort. Niemand hatte einen Stammplatz. Besprechungen begannen – zur allseitigen Freude – meist kurz vor zwölf Uhr Mittag! Antwort 2: Bei aller Experimentierlust mit der er E- und U-Musik in „Bio‘s Bahnhof“ (1979 -1985) miteinander verschmolz, wusste er immer das Vertrauen der WDR-Oberen hinter sich. Hatte er ihnen doch als verantwortlicher Redakteur und Produzent für die zweistündige Samstag-Abend Show „Am laufenden Band“ bewiesen, wie man Zuschauer mit aus-gefallenen Ideen überrascht und „Quote macht“. (1974-1979, moderiert von Rudi Carrell)

Eine Vaterfigur wurde er in den acht Jahren unserer Zusammenarbeit nicht für mich. Doch als ich selbst in Entscheiderposition bei RTL und SAT.1 gekommen war, diente er mir oft als Vorbild im Umgang mit Untergebenen. Es stimmt, Alfred suchte das Gespräch; er war neugierig auf andere Menschen. Darum besaß sein Küchentisch – nach meiner Beobachtung – auch einen höheren Stellenwert als seine Kochkunst. Im Grund war sie nur ein (raffiniertes) Vorspiel. Zum Höhepunkt kam es immer erst im Gespräch am Küchentisch. An diesem Tisch mit der quadratischen Ahornplatte saß auch ich mit ihm, wenn wir im Duett den Faden für seine Gespräche spannen und er sich seine Stichwortkarten anfertigte – die heute im historischen Archiv der Stadt Köln aufbewahrt werden. So wäre es in meinen Augen nur folgerichtig, den Küchentisch jetzt auch einem Museum zu übergeben. Alfred Biolek hat sein Leben gut genutzt. Er bereicherte das Fernsehprogramm und verstand es seine Mitarbeiter zu motivieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text – und Bildquelle: Nicolaus Geretshauser

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