Neu im Kino: Sag nicht, wer du bist

In „Sag nicht, wer du bist“ von und mit Xavier Dolan stößt ein junger Mann auf der Beerdigung seines Lebensgefährten auf jede Menge Vorurteile.

Nach dem Unfalltod von Guillaume reist Tom (Xavier Dolan) aus Montreal zur Farm der Familie des verstorbenen Liebhabers aufs Land und muss schon bald schmerzlich erfahren, dass weder die Mutter, noch der finstere Bruder Francis, von den Liebschaften ihres verstorbenen Familienmitgliedes Bescheid wussten. Der zu Gewaltausbrüchen neigende Francis – die maskuline Variante von Norman Bates -, welcher seit geraumer Zeit vor dem plötzlichen Tod seines Bruders bereits einen Verdacht hatte, sieht sich darin bestätigt, als er Tom’s Stimme wieder erkennt und sich dabei an ein Telefonat erinnert, in dem es um einen leidenschaftlichen Urlaub ging. Es ist Francis Wille, dass die Mutter niemals von der geheimen Liebe ihres verstorbenen Sohnes erfahren darf. So bedroht er Tom immer wieder, und doch ist da etwas vom ersten Augenblick an. Elektrisierendes, Abgründiges, Plötzliches ist da in ihren Blicken. Man wird dem Begehren selbst ansichtig und ist hingerissen und verängstigt davon. Tom begibt sich – halb Opfer, halb Mitschuldiger – in dieses Hörigkeitsverhältnis aus Gewalt, Erotik und Leidenschaft. Tom bleibt bei Francis auf der einsamen Farm – im Liebeswahn, im Rausch, lechzend nach Schwere und Tiefe. Allerdings muss Tom obendrein recht schnell erkennen, dass sein Lover auch ihm gegenüber nicht sein wahres Ich gezeigt hat.

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„Sag nicht, wer du bist“ (OT: Tom at the Farm / Tom à la ferme) ist der vierte Spielfilm des 1989 geborenen Frankokanadiers Xavier Dolan, bei dem er als Regisseur beteiligt ist. Das Drama basiert auf einem Theaterstück von Michel Marc Bouchard. Am 02. September 2013 feierte „Sag nicht, wer du bist“ seine Weltpremiere auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig, wo er den FIPRESCI Award gewann. Nach seiner Trilogie über die „impossible love“ – „I killed my mother“, „Herzensbrecher“ und „Laurence Anyways“ – kündigte Regie-Wunderkind Dolan einen genretechnischen Regiewechsel an. In dem Stück „Tom á la ferme“ fand er die Gelegenheit, sich einem Film zu widmen, welcher ihm die Spielerei mit Gewalt, Lust und Ermächtigung erlaube. So gelang ihm mit seinem Psycho-Thriller eine ruhig inszenierte Gewaltparabel über die besessene Einsamkeit und das Entkommen aus einer lustvollen Gefangenschaft. Dolan inszeniert ungewöhnlich dezent und ruhig. Seine bisher voller Leben und Farbe strotzenden Montagen, die clipartig unterlegten Musik-Hits im Stile der 70er-90er Jahre sind ebenso verschwunden wie die ästhetisch höchst wundervoll anzusehenden Zeitlupen aus seiner erfolgreichen Trilogie. Das Gesamtbild seines neuen Werkes runden ein tristes, mit dunklen Brauntönen gefärbtes, stark unterkühltes Bild sowie die fantastisch, atmosphärisch verstörenden Klänge des Academy-Award Gewinners Gabriel Yared („Der englische Patient“) sehr authentisch ab. Auch wenn wir hier einem äußerlich veränderten, blondierten Dolan zusehen, trägt der Streifen dennoch seine typische Handschrift: Mit einigen Szenen und Kameraperspektiven ganz nah an den Protagonisten von hinten sowie auch mit den für Dolan typischen Regiekünsten (Stichworte: Augen, Tanz und Kamerafokus). Nahezu in jeder Szene ist die Gewalt zu spüren. Sie ist wie ein omnipräsentes Mittel, sei es die Musik, die Körperlichkeit oder auch die Psyche. Die einzelnen Elemente wechseln stets ihren Fluss und ihre Anordnung, je nach Interaktion zwischen den Charakteren. Inmitten all diesem die von Dolan höchstpersönlich gespielte Figur „Tom“, die durch Druck und Einsatz dieser Gewalt schon bald einen wahren Käfig um die Farm zu sehen scheint, aus dem es kein Entrinnen zu geben mag.

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Dieser Psychothriller bringt eine thematische Wucht – allerdings fehlt es leider an ambivalenten Charakteren, die dieser Thematik samt Inszenierung gerecht werden. Xavier Dolan verzichtet auf eine psychologische Komplexität, was somit die Regieorientierung auch auf Ebene des Drehbuches anscheinend perfekt machen soll. Damit bleiben die Figuren nicht mehr als nur „Mittel zum Zweck“. Zwar ist dies sehr schade und man mag ihm dies verzeihen, jedoch war es in seinen bisherigen Filmen immer eine der zahlreichen Stärken des 25-Jährigen, die Charaktere so lebensnah und natürlich zu schreiben, dass sie fast schon einen dokumentarischen Stil unterstrichen und emotional fesselten. Erwähnt sei sein Debütfilm „I killed my mother“, mit welchem das Ausnahmetalent Dolan in der Filmwelt für Furore sorgte. Damals war es noch fraglich, ob es sich um ein One-Hit-Wonder handelt, oder ob dies der Beginn eines künstlerischen Werdegangs ist. Letzteres hofften zahlreiche Filmbegeisterte. Nicht zuletzt auch prominente Kollegen, wie Brad Pitt. Dieser griff damals höchstpersönlich zum Telefon, um Dolan für dieses liebevoll geschaffene Juwel zu beglückwünschen. Mit seinen zwei darauffolgenden Filmen „Herzensbrecher“ und „Laurence Anyways“ bewies er dann endgültig, dass er in seiner Eigenschaft als einer der interessantesten Filmemacher unserer Gegenwart – vergleichbar mit den jungen Meistern der Nouvelle Vague – bedeutende und immer wieder überraschende Filme drehen wird.

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Mit „Sag nicht, wer Du bist“ gelang Dolan erneut ein aufregender, sinnlicher, irritierender Film – dem ersten Anschein nach wirkt er wie eine Fingerübung. Zunächst erinnert der Aufbau an die typische Genremischung aus Horror- und Psychothriller. Die grundlegende Story stellt keine Revolution dar. Eine kleine Erweiterung der Szenerie bietet der Abspann, was einem Ausklang gleichkommt. Durch seine gute und präzise kalkulierte Inszenierung und seinen orchestralen Score wird dem Kinobesucher starkes Kino mit einem der wenigen Vertreter des „Queer“ Noir Filmes geboten. Ein ungeheuer spannender Film in beeindruckenden Bildern, die einmal, so viel ist sicher, von diesem Kinojahr übrig bleiben werden.

 

Neu im Kino: „Sag nicht, wer Du bist“

Kinostart: 21.08.2014

Im Vertrieb von Kool Filmdistribution

www.SagnichtwerDubist-Film.de

 

 

SAG NICHT WER DU BIST - Xavier Dolan - Offizieller Trailer Deutsch HD

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Text- und Bildquelle: Kool Filmdistribution, Bildrechte: Kool/Filmagentinnen

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