Suede meldet sich zurück mit “The Best of Suede”

Absoluter Lieblingsstatus bei der heimischen Presse, Coverstories, Vergleiche mit David Bowie oder The Smiths und das alles, ohne eine einzige nennenswerte Platte veröffentlicht zu haben: Die Jahre Anfang der Neunziger scheinen ganz und gar der aufregenden britischen Gitarrenband Suede zu gehören. Bereits die 1992 veröffentlichte Debutsingle „The Drowners“ schlug mit ihren mitreißenden Melodien und den provokanten Texten wie eine Bombe ein. Obwohl das noch in der Ära des Grunge und Shoegazing war, lag Madchester bereits in den Zügen und diese Szenen hatten natürlich ihre Daseinsberechtigung, wenngleich sie allerdings zu introvertiert und nicht ausreichend konfrontativ waren. Über den Einfluss von The Smiths auf die Band meinte Suede-Bassist Mat Osman einst, dass Post-E-Großbritannien nach mehr lechzte. Genauer gesagt, nach „neuen Werten und musikalischen Referenzen, und nach einem anderen Blick auf die Welt.“ Niemand brauchte so wirklich die aufgeblasenen Vorträge und das umher schleichende Chaos suchte seinen schmutzig-authentischen Ausdruck. Natürlich – jeder liebte jeden, jeder liebte sich, aber wie stand es um den Sex? Der Indierock vermied das Thema lieber, als ob Sex und Sexismus dasselbe wären. Suede-Frontmann Brett Anderson erinnert sich: „Ich wollte über Sex und Scheitern schreiben und die Trägheit feiern, die Kultur des schönen Verlierers.“ Er hält nicht allzu viel von der Arbeit einiger Kolleginnen und Kollegen: „Die bemühen Klischees wie „Baby, I love you“ oder schreiben über das Leben von Jimi Hendrix, das für sie selbst überhaupt keine Relevanz hat.“ In David Bowies Fußstapfen trat Brett nicht nur mit seinem Wunsch, dem  Vorortgrab“ Hayward´s Heath im britischen Sussex zu entfliehen und sich im verrückten London neu zu erfinden – er eiferte ihm auch musikalisch nach: „Andere zeigten sexualisierte Gesten, doch bei Bowie ging das viel weiter: Er schaffte es, eine Energie zwischen dem Publikum und sich selbst aufzubauen. Ich wollte diese Spannung offen legen, das Publikum hypnotisieren. Musik machen, bei der der Funke überspringt.“


Suede meldet sich zurück mit “The Best of Suede”Diesem Anspruch konnten SuedeBrett und sein Jugendfreund Mat, Gitarrist Bernard Butler, Zweitgitarristin Justine Frischmann sowie Schlagzeuger Simon Gilbert – zu Anfang jedoch kaum gerecht werden: „Wir wurden eine unglaublich lange Zeit vehement abgelehnt“, bestätigt Brett. „Wir waren eine sehr direkte Band und nicht besonders bescheiden. Wenn da das Ambiente nicht stimmt, dann kann das ziemlich übel ausgehen.“ Eine Veränderung brachte erst der Abschied von Justine – sowohl von Suede als auch aus Bretts Bett. Brett Andersons Punk-Wurzeln brachen durch und Bernard eiferte Johnny Marrs komplexem Stil nach – in grelleren, drastischeren Farben. Und: Neue Songs entstanden – zum Beispiel die Single „The Drowners“. Auf einmal zierte ihr Foto das Titelblatt des Melody Maker, unter der Überschrift „Die beste Newcomer-Band Großbritanniens“. Morrissey begann „My Insatiable One“ von der nicht minder grandiosen „The Drowners“-B-Seite live zu covern, Suedes nächste Single „Metal Mickey“ schoss in die Top 20 und die rasenden Fans rissen Brett immer häufiger das dünne Hemd vom androgynen, mageren Körper. Durch den Einzug in die Kategorie der besten Newcomer-Bands Großbritanniens wurde der Band ein stabilerer Stand auf dem Markt beschert. Ihr 1993er-Konzert konnten sie so mit einer überdrehten Version von „Animal Nitrate“ eröffnen und mit dieser Glam-Punk-Rakete eine weit deutlichere schwule Perspektive an den Tag legen, als noch mit der spielerischen Mehrdeutigkeit von „The Drowners“. „Wir hoben unsere Köpfe ganz bewusst über die Brüstung und ließen die Leute auf uns schießen“, erinnert sich Brett an die darauf folgende Furore. „Aber wir waren die erste Band seit langer Zeit, die diesen Grad an Emotionalität auslöste. Und das wurde zum Vorbild dessen, was Gitarrenbands nach uns machten.“ Nach dem Top 10-Hit „Animal Nitrate“ folgte „Suede“: Das Album avancierte zum bestverkauften Debutalbum in Großbritannien seit „Welcome To The Pleasuredome“ von Frankie Welcome und sahnte prompt den Mercury Music Prize ab. Vorreiter, Innovatoren und Kultur-Aggregatoren – das waren Suede, und alle wollten ein Stück vom Kuchen abbekommen. Die Band war diesem klassischen, meteoritenhaften Aufstieg jedoch nicht gewachsen. Das Select-Magazin brachte Brett bereits nach wenigen Wochen auf dessen Titelseite – vor dem Hintergrund eines ausgeschnittenen Union Jacks und unter der Überschrift „Yanks Go Home“. Bei dem Gedanken daran kocht Brett immer noch: „Ich schrieb über mein Leben in Großbritannien, über Armut und Isolation, was zum Vorbild für den Britpop wurde. Und das wurde dann zur bierseligen Karikatur mit Fahnenschwenken verzerrt. Wer Suede als chauvinistisch bezeichnet, hat uns völlig missverstanden.“ Wenn überhaupt, dann lässt sich die darauf folgende Phase von Suede unter dem Label Britpop fassen und das nächste Album sollte dann auch „viel seltsamer“ sein: „Mehr draußen. Anstatt als kleine Engländer nur über Bohnen und Toast zu schreiben, nehmen wir jetzt ein Stück von der ganzen Welt zwischen die Zähne und spucken es ihr wieder entgegen.“


Suede meldet sich zurück mit “The Best of Suede”Nun war Bernard von Joy Division und Scott Walker eingenommen und so wartete die nächste Single „Stay Together“ mit acht intensiv-dramatischen Minuten auf. Ironischerweise jedoch zerstörten die zunehmenden Spannungen zwischen zwei völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten die Zusammenarbeit, so dass Bernard schließlich die Band verließ, noch bevor „Dog Man Star“ veröffentlicht worden war. Das Album klingt trotzdem umwerfend. Zwar führte „OK Computer“ von Radiohead die Album-Charts der 1990er üblicherweise an, doch „Dog Man Star“ ist in seiner apokalyptischen Wut und Zerknirschtheit genauso einschneidend und ausgefeilt. Und in der großartigen Ballade „The Wild Ones“ spricht sich Brett deutlich für die Band aus: „I love the mood and the melody, it works emotionally. It´s beautiful.“ („Ich liebe die Stimmung und die Melodie, das funktioniert auf der Gefühlsebene. Es ist schön.“). Zwar firmierte „Dog Man Star“ auf den ersten Rängen der Charts, wurde jedoch durch „Definitely Maybe“ von Oasis vom Sockel gestoßen. Vom Ballast, den der Titel „Beste Newcomer-Band“ nun einmal mit sich bringt, befreit, malte sich Brett die neuen Suede ausgefeilter und gefestigter aus – ohne den „ungesunden, revisionistischen 1970er-Jahre-Kram“. Mit der für sie typischen Kühnheit engagierten sie hierfür einen begnadeten, erst 17-jährigen Schüler als Gitarristen. Richard Oakes passte sehr gut in die Ästhetik von Suede, die die lausige Realität verwandeln wollten. Darüber hinaus „brachte er Geschlossenheit in die Band“, erinnert sich Brett und erzählt weiter: „Wir wurden zu einer kleinen Gang. Und er hatte das Talent, die Art von Album zu machen, die wir wollten.“ Das fünfte Mitglied kam mit Simons Cousin Neil Codling in diese Gang. Dieser brachte sowohl Talent für das Songwriting als auch eine unbekümmerte Bühnenpräsenz und perfekt geformte Wangenknochen mit. Wer daran zweifelte, dass die Band die Trennung von Bernard überstehen würde, wurde bald eines Besseren belehrt: Mit dem Nr. 1-Album „Coming Up“ feierten Suede ihre triumphale Rückkehr an die Spitze der Popliga. „Trash“ – ein Manifest dieser Gangmentalität sowohl für die Band als auch die Fans – steht ganz vorne unter den Hits des Albums.


Suede meldet sich zurück mit “The Best of Suede”„Head Music“, das vierte Suede-Album, ist experimentierfreudiger und elektro-lastiger als seine Vorgänger. „Wir wollten kein Gitarren- oder Rock-Album machen.“, meint Brett. „Ich bin sehr stolz auf „Head Music“ und ich denke, dass das Album von den Suede-Fans ziemlich unterschätzt wird.“ „Electricity“ und „Film Star“ wurden Top Ten-Hits, Suedes bisher unverfrorenster, aufreizendster Popsong „She´s In Fashion“ schaffte es dagegen unerklärlicherweise nur auf Platz 13. Der vierte Hit des „Head Music“-Albums, „Can´t Get Enough“, kann zwar als berauschendes Glam-Stück gelten, doch von einem Meilenstein kann dennoch keine Rede sein. Als Neil wegen seinem zehrenden Kampf gegen das Chronische Erschöpfungssyndrom die Band verließ und Brett schließlich zugeben musste, dass vieles von seiner Kreativität den Drogen zum Opfer gefallen war, hinterließ das natürlich seine Spuren. Und so konnte auch nicht einmal ein wieder „cleaner“ Brett das nächste Album „A New Morning“ noch retten. „Wir hätten uns nach „Head Music“ trennen sollen, aber ich wusste ja nicht, dass uns die Ideen ausgehen würden. Doch es gibt immer noch einige großartige Momente. Ich mag „Positivity“ immer noch, obwohl dieser Song definitiv zu unserem Untergang beigetragen hat. Das war nicht das, was die Leute von Suede hören wollten, aber das war so gewollt. Bildlich gesprochen hatte ich mich in eine Ecke manövriert und wusste nicht mehr, wie ich dort wieder rauskommen sollte.“ Schließlich bestand Bretts Schlupfloch in der Ankündigung, dass sich die Band aus dem Musikgeschäft verabschieden würde. Unter dem Bandnamen „The Tears“ arbeitete er kurze Zeit später erneut mit Bernard zusammen und so veröffentlichten sie das Album „Here Come The Tears“. Die drei pastoralen, persönlichen Soloalben von Brett zeigen jedoch deutlich, woran sein Herz hängt. Und das zeigt sich auch noch sieben Jahre später: Als Suede vom Teenage Cancer Trust (eine Wohltätigkeitsorganisation, die Brett seit dem Tod seiner Mutter unterstützt) für ein Benefizkonzert angefragt wurden, waren sich alle – einschließlich der erholte Neil – darin einig, dass die Zeit reif sei. Schließlich standen die Briten nach zwei kleineren Gigs auf der Bühne der Londoner Royal Albert Hall und selbst die eingefleischten Fans waren begeistert. An Intensität hatte die Spannung zwischen Suede und ihnen nichts eingebüßt. Am Ende der Show rief Brett den Fans zu: „Nach den nächsten sieben Jahren sehen wir uns wieder.“ Schwindeln wollte er nicht, doch dann hieß es: „Wir wussten nicht, dass wir so viel Spaß haben würden“ – und Suede spielen weitere Konzerte! Nach dem Rückzug aus dem Musikgeschäft vor sieben Jahren legt die Band nun überraschend wieder los! Das atemberaubende Reunion-Konzert in der Londoner Royal Albert Hall gehört genauso dazu, wie eine kurze Tour durch ein paar europäische Großstädte. Da Brett gerade ein weiteres Studioalbum einspielt, ist ein neues Suede-Album vorerst noch nicht in Sicht. „Wenn wir eins machen würden, dann müsste das eine der besten Platten werden, die wir je gemacht haben.“, betont Brett. „Denn das Allerwichtigste ist die Heiligkeit unseres Vermächtnisses.“ Also kein Masterplan, dafür aber ein Greatest Hits-Album, das nochmals deutlich zeigt, dass der beißende, drängende, leidenschaftliche Sound von Suede auch nach all den Jahren nichts von seiner Brillanz verloren hat – trotz aller Höhen und Tiefen, Tops und Flops. Die Setlist vereint alles Bahnbrechende der britischen Band: die ekstatischen Konzerte und die Hochspannung. Ihre Rückkehr löst eine Flut von Erinnerungen aus. Suede – für Viele nicht nur eine Band, sondern eine lebensverändernde Erfahrung, oder, um mit den Worten der Band zu sprechen: Can´t get enough!


Suede
The Best of Suede
(2 xCD)
Veröffentlichung: 19. November 2010
CD1:
01. Animal Nitrate
02. Beautiful Ones
03. Trash
04. Filmstar
05. Metal Mickey
06. New Generation
07. So Young
08. Wild Ones
09. Drowners
10. Stay Together
11. Lazy
12. Everything Will Flow
13. We Are The Pigs
14. Can´t Get Enough
15. Electricity
16. Obsessions
17. She´s In Fashion
18. Saturday Night
CD 2:
01. Pantomime Horse
02. My Insatiable One
03. Killing Of A Flashboy
04. This Hollywood Life
05. Europe Is Our Playground
06. My Dark Star
07. Sleeping Pills
08. By The Sea
09. She
10. Heroine
11. The Living Dead
12. To The Birds
13. The Big Time
14. The Two Of Us
15. Asphalt World
16. Still Life
17. The Next Life
Suede Live:
03. Dezember 2010 – Berlin – C-Halle


SUEDE -- Beautiful Ones


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