Seit einigen Monaten verlangt Netflix von seinen Synchronsprecherinnen und Synchronsprechern, neue KI-Klauseln in den Verträgen zu unterzeichnen. Netflix will Aufnahmen der Sprecher zu Trainingszwecken einer KI zuführen, eine Vergütung ist dafür nicht vorgesehen. Im vergangenen Sommer hatte sich die Schauspielgewerkschaft BFFS mit Netflix auf entsprechende Regelungen geeinigt (DWDL.de berichtete). Der Verband Deutscher Sprecher:innen (VDS) ist damit jedoch nicht einverstanden, er ruft daher dazu auf, die neuen Netflix-Verträge nicht zu unterschreiben.
Und tatsächlich sind diesem Aufruf in diesem Jahr einige bekannte Sprecherinnen und Sprecher gefolgt. Mehr und mehr werden nun die Auswirkungen sichtbar: Netflix hält nämlich unbeirrt an seinen KI-Klauseln fest und besetzt die Rollen einfach um. Schon in den vergangenen Wochen gab es so deutsche Synchronfassungen von Serien, bei denen sich die Fans an neue deutsche Stimmen gewöhnen mussten – etwa bei „Ich und die Walter Boys“ und „Diplomatische Beziehungen“. Mit „Lupin“ folgt nun die nächste Serie, bei der sich das Publikum umgewöhnen muss – es ist das bislang prominenteste Projekt, das von dem Streit zwischen Netflix und VDS betroffen ist.
Bereits im April berichtete DWDL.de darüber, dass sich mit Sascha Rotermund und Anne Helm die deutschen Stimmen der beiden Hauptdarsteller Omar Sy und Ludivine Sagnier dazu entschlossen hatten, die neuen Netflix-Verträge nicht zu unterschreiben. Mindestens vier weitere Stimmen aus dem Cast haben sich angeschlossen. Die Fans der Serie müssen sich in der deutschen Synchronfassungen also auf gleich mehrere neue Stimmen einstellen – und wie die Reaktionen darauf teilweise ausfallen, konnte man schon vor der Veröffentlichung der neuen Staffel auf YouTube beobachten.
Viele negative Kommentare
Nachdem der Trailer für die vierte Staffel dort hochgeladen wurde, hagelte es negative Kommentare. Viele kritisieren, dass „Lupin“ ohne die Stimme von Sascha Rotermund nicht mehr die gleiche Serie sei. Es gibt auch Boykottaufrufe und manche glauben sogar, schon KI-Stimmen zu hören. Man muss den bisherigen Protest aber auch in Relation setzen: Die Kommentare unter dem Trailer auf YouTube waren bis zur Veröffentlichung der neuen Staffel am vergangenen Freitag zwar überwiegend negativ, es waren insgesamt aber nur einige dutzend Kommentare. Hinzu kommt: Ein ganz großer Shitstorm blieb über das Wochenende aus. Und wenn man „Lupin“ bislang gar nicht oder auf englisch gesehen hat, kann man in dem Trailer auch keine groben Fehler erkennen. Es ist eine solide Synchronisation – nur eben eine andere als bislang.
Wer die neuen Sprecherinnen und Sprecher sind, die mittlerweile in „Lupin“ zu hören sind, wollte Netflix im Vorfeld der Veröffentlichung übrigens auch auf Nachfrage von DWDL.de nicht sagen. Auch im VDS-Umfeld hat man lange gerätselt, wer den Job angenommen hat. Durch die Veröffentlichung der neuen Folgen am Freitag ist klar, wer die neuen Sprecherinnen und Sprecher sind. Sie werden, wie üblich, im Abspann genannt. So ist klar, dass Alexander Doering den Job von Sascha Rotermund übernommen hat. Er spricht neuerdings Lupin. Doerings Vater, Rainer Doering, spricht ab sofort die Rolle des Hubert Pellegrini, bislang kam die deutsche Stimme hier von Michael Iwannek. Claire (Ludivine Sagnier) wird neuerdings von Aline Staskowiak gesprochen, bislang war es Anne Helm.
Die Synchron-Branche ist gespalten
Die Info, wer künftig bei „Lupin“ die deutschen Stimmen spricht, hat durchaus eine gewisse Brisanz. Denn auch wenn der VDS seit fast einem Jahr seinen Mitgliedern empfiehlt, die neuen Netflix-Verträge nicht zu unterschreiben, hat man bislang doch nur wenig bis nichts erreicht. Im Gegenteil: Netflix besetzt die Stellen einfach um mit Personen, die kein Problem mit den KI-Klauseln haben. So geht ein Riss durch die Synchron-Branche: Während die einen die Regelungen ablehnen und so künftig nicht mehr mit Netflix zusammenarbeiten können, dürften die anderen ihr Glück kaum fassen und kommen an Jobs, die zuvor andere hatten. Und über allem steht natürlich die Frage: Was passiert langfristig beim Thema KI?
Anfang des Jahres drohte Netflix noch, künftig einfach gar keine deutsche Tonspur mehr zur Verfügung zu stellen. Der Streamer ließ ziemlich unverhohlen durchblicken, dass man sich auch mit Untertiteln begnügen würde (DWDL.de berichtete). Ganz so schlimm ist es für die Fans nicht gekommen. Offenbar findet Netflix noch immer genügend Sprecherinnen und Sprecher, die mit dem Unternehmen zusammenarbeiten wollen. Und so sieht man auch keine Notwendigkeit, etwas am eingeschlagenen Kurs zu ändern. Offiziell verweist man auf die Vereinbarung, die man vor rund einem Jahr mit dem BFFS getroffen hatte.
Weil inzwischen auch beim VDS durchgedrungen ist, dass sich Netflix in der Sache wohl eher nicht freiwillig bewegen wird, hatte man im September schwerere Geschütze aufgefahren. So reichte der Verband Beschwerde beim Bundeskartellamt ein und unterstützt die Datenschutzbeschwerde verschiedener Sprecherinnen und Sprecher, unter anderem von Matti Klemm (Jason Momoa, Benjamin Blümchen u.a.), die bei der Berliner Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit eingereicht wurde.
Greift das Kartellamt ein?
Bei Netflix will man sich gegenüber DWDL.de nicht noch einmal dazu äußern. Stattdessen verweist ein Sprecher auf ein Statement, das man bereits kurz nach dem Bekanntwerden der Beschwerde beim Bundeskartellamt abgegeben hatte. Darin erklärt Netflix, die Behauptungen des VDS seien „unbegründet“. Die Vereinbarung mit dem BFFS würde zeigen, „dass uns der Schutz der Sprecherinnen und Sprecher wichtig ist“. Man verpflichte sich darin, keine digitale Nachbildung oder synthetische Stimme ohne gesonderte und ausdrückliche Zustimmung zu nutzen.
Ob der VDS auf externe Unterstützung hoffen kann, ist unklar. Das Bundeskartellamt bestätigt gegenüber DWDL.de, dass die Beschwerde des Verbands eingegangen sei. Bislang sei aber noch nicht entschieden worden, ob und wenn ja, in welcher Form, man der Beschwerde nachgehen werde. „Sollten wir das Thema aufgreifen, werden wir zumindest die Beteiligten (Unternehmen/Verband) umgehend darüber informieren“, erklärt ein Sprecher. Die Beauftragte für den Datenschutz hat sich die Beschwerde nach VDS-Angaben angesehen und eine „Reihe von Rückfragen an die Betroffenen“ gestellt.
Bis die Sache entschieden ist, dürften noch Monate vergehen – im besten Fall. Bis dahin schafft Netflix mit der Umbesetzung der Synchronrollen Fakten. Neben den genannten Sprecherinnen und Sprechern lehnten zuletzt unter anderem auch Katrin Fröhlich (Cameron Diaz) und Luise Helm (Scarlett Johansson, Megan Fox) Netflix-Projekte ab.
Quelle: DWDL/Netflix/Timo Niemeier, Fotocredit: Netflix/Emmanuell Gummier
