Der Fernsehfilm der Woche: „Trügerische Sicherheit“. Interview mit Christian Berkel, Max Simonischek & Friederike Becht

Der Fernsehfilm der Woche: „Trügerische Sicherheit“. Interview mit Christian Berkel, Max Simonischek & Friederike Becht

Kriminalkommissar Jonas Neimann ist seit Jahren der Personenschützer des Lokalpolitikers Magnus Mittendorf. Mit Mittendorfs neuer Pressesprecherin Katharina Borba führt er eine noch diskret gehaltene Beziehung. Nach einer Feier zu einem gelungenen Wahlauftritt ist Katharina für Jonas plötzlich nicht mehr zu sprechen. Als Jonas Katharina schließlich erreichen kann, erfährt er von ihr, dass Mittendorf auf der Feier sexuell übergriffig geworden sei. Jonas steht zwischen seinen Gefühlen zu Katharina und der Loyalität zu Mittendorf. Als es zu einem bedrohlichen Vorfall kommt, muss Jonas sich entscheiden. Kann er seinen Job weiter ausüben?

Sie verkörpern den Lokalpolitiker Magnus Mittendorf, der ständig von einem Personenschützer begleitet wird. Inwiefern könnten Sie sich ein Leben unter dauernder Beobachtung vorstellen?

Als Schauspieler steht man in der Öffentlichkeit und wird auch beobachtet. Ich komme damit ganz gut klar, auch weil meine Privatsphäre davon weitgehend unberührt bleibt. Einen Personenschützer um mich zu wissen, der mich auf Schritt und Tritt begleiten müsste, stelle ich mir für beide Seiten sehr herausfordernd vor. Ich würde das Alleinsein vermissen, die Möglichkeit des spontanen Rückzugs, ohne die meine Arbeit undenkbar wäre. Ein Familienleben unter Beobachtung, den Verlust der Privatheit, kann ich mir auch nicht denken.

Was glauben Sie, wie eng kann das Verhältnis zwischen Personenschützer und seiner Schutzperson sein?

Es dürfte nicht ganz einfach sein, die ideale Mischung hinzubekommen, die Balance zwischen Nähe und Distanz. Beides wird notwendig sein.

Im Film geht es auch um männlichen Machtmissbrauch. Ihre Rolle hat eine sehr hohe Fallhöhe, vom Sympathieträger zum Täter. Was macht Ihre Figur am Anfang so sympathisch?

Das ist schwer zu beurteilen, weil es sehr subjektiv ist und auch im Auge des Betrachters liegt. Ich habe versucht, gerade zu Beginn für die Figur des Lokalpolitikers zu werben, weil man sich sonst allzu leicht von ihm als Person distanzieren könnte. Es war uns wichtig zu zeigen, dass man den meisten Menschen so etwas nicht ansieht. Manche würden es aus ehrlicher Überzeugung heraus weit von sich weisen und niemals glauben, dass sie so etwas tun könnten – bis zum Beweis des Gegenteils. Diese Ambivalenz macht es so gefährlich.

Was denken Sie, ist der Grund für das Verhalten des nach außen hin so sympathischen Politikers?

Wie vielen Menschen in hohen Positionen fällt es dem Politiker Mittendorf schwer, die Privatperson und den amtsbedingten Machtzuwachs auseinanderzuhalten. Für seine Karriere opfert er Familienzeit – die Ehe leidet darunter, die Beziehung zu seinen Kindern auch. Aus dem bewunderten Helden, der alles richten kann, wird ein unzuverlässiger Gast, der nicht mehr in die alltäglichen Entscheidungen eingebunden ist. Er wird nicht mehr gebraucht, fühlt sich in die Rolle des Ernährers gedrängt und vermisst, ohne es sich einzugestehen, die Zuwendung seiner Familie. Dass seine Familie es genau umgekehrt erlebt, merkt er nicht. Die Beziehung zu seiner Frau ist bestenfalls als freundschaftlich zu bezeichnen, dadurch fühlt er sich in seiner Männlichkeit gekränkt.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Männer oftmals ihre Machtposition ausnutzen, um Frauen zu erniedrigen?

Ich denke, dass es aus einem Minderwertigkeitsgefühl heraus entsteht, das bei Männern oft in der Diskrepanz zwischen ihrer inneren Sehnsucht nach Grandiosität und der weniger schmeichelhaften Wirklichkeit gründet. Beide Seiten sind in Rollenbildern gefangen: Die Frau wird auf äußerliche Attraktivität reduziert, der Mann auf seinen beruflichen Erfolg. Zur Erfolgsideologie gehört der Darwinismus, der den Mann früh lehrt, seine Interessen notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Ein anderer, sehr viel komplexerer Hintergrund, könnte die nicht aufgearbeitete Beziehung zur Mutter sein, seine unbewusste Rache für Trennung und Abhängigkeit.

Welches Umdenken müsste aus Ihrer Sicht in der Gesellschaft stattfinden?

Die „verpanzerten“ Rollenbilder müssten aufgebrochen werden. Nicht die Gleichschaltung der Geschlechter, sondern ihre Differenzierung sollte dabei im Vordergrund stehen. Vor allem aber muss das Individuum in seiner Unverwechselbarkeit respektiert und wahrgenommen werden. Danach sehnen wir uns doch alle, oder?

„Es geht nicht in erster Linie um sexuellen Missbrauch“ – Interview mit Friederike Becht

Ihre Figur bewegt sich in einem von Männern dominierten Umfeld. Katharina erfährt Unterdrückung von ihren männlichen Kollegen, sogar durch ihren Chef. Was glauben Sie, könnte der Grund sein, weshalb Katharina nicht öffentlich machen möchte, was ihr widerfahren ist?

Sie will vielleicht nicht, dass außenstehende Menschen, die ihr nicht vertraut sind, imaginieren könnten, was genau vorgefallen ist und wie sie sich nun fühlen muss oder sie sogar darauf ansprechen. Vielleicht möchte sie auch nicht mehrfach vor der Polizei und vor Gericht das traumatisierende Erlebnis detailgetreu schildern und es sich somit immer wieder selbst vor Augen führen müssen – die Angst, dass die Beweise fehlen, vielleicht auch die Angst, dass man ihr nicht glaubt. Es gibt da sicher mehrere Gründe, die Frauen dazu bewegt, nicht zu sprechen. Aber welcher Beweggrund genau ihrer ist, möchte ich gern Katharinas Geheimnis lassen.

Katharina hat mit Jonas Neimann einen Freund an ihrer Seite, der sich ihr gegenüber sehr verantwortungsbewusst verhält und ihr den Rücken stärkt. Wie hat Ihre Figur das empfunden?

Katharina geht nach dem Erlebnis erst einmal auf Abstand – zu allem und jedem. Sie möchte Jonas, den sie sehr liebt, nicht von sich stoßen. Aber sein Misstrauen, seine berufliche Position, sein enger Kontakt zu dem Minister, machen es ihr, zusätzlich zu ihren eigenen schützenden Mauern, die sie um sich gebaut hat, nicht gerade leicht, sich zu öffnen.

In Ihren Rollen beschäftigen Sie sich schon länger mit Frauenfiguren, die Opfer eines Machtmissbrauchs wurden. Dieser Film erzählt diesen Missbrauch aus männlicher Sicht. Inwieweit finden Sie die Herangehensweise an diese Thematik und die Sichtweise eine andere, als würde sie aus der Perspektive einer Frau erzählt?

Für mich geht es in diesem Film nicht in erster Linie um sexuellen Missbrauch, nicht um die Betroffene, sondern um die Stimmen in der Menge – die Stimmen der Menschen, die Katharina, auf das Nachhorchen von Jonas hin, in unterschiedliche Schubladen stecken, und die aus dem Spekulieren gar nicht mehr herauskommen. Und es geht darum, wie solches Gerede und die vielen unterschiedlichen Wahrheiten der Umstehenden auf Jonas, unsere Hauptfigur, einwirken.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach in der Gesellschaft ändern, um Frauen besser vor Machtmissbrauch schützen zu können?

Prinzipiell wäre es zum Beispiel gut, wenn wichtige Personalentscheidungen nicht von einzelnen Personen getroffen werden. Das ist ein System, in dem Machtmissbrauch möglich ist.

Wie könnte ein Umdenken stattfinden?

Für ein Umdenken wäre sicher hilfreich, wenn die Gesellschaft von der Täterfixierung wegkommt und sich mehr auf Betroffenenhilfe und Prävention konzentriert. Veränderungen könnten sein: Mehr Frauenhäuser, mehr Anlaufstellen für Frauen, die von Gewalt betroffen sind. Zudem wäre es gut, mehr Aufklärung zu betreiben – nicht nur für Mädchen und Frauen, sondern auch für Jungen und Männer.

In Ihrer Rolle als Personenschützer müssen Sie mit wenig Text auskommen, obwohl aus dessen Perspektive die Handlung des Films erzählt wird. Inwiefern war das die größte Herausforderung für Sie, die Hauptrolle zu spielen und dabei fast nur mit Körpersprache und Mimik agieren zu können?

Wenn in Filmen zu viel geredet und erklärt wird, dann sind zu lange Dialoge mit Informationstexten zwischen den Figuren und statische, langwierige Szenen die Folge. Das ist in vielen Filmen, die ich im Fernsehen sehe, der Fall. Für mich ist Film in erster Linie ein visuelles Medium, und es sollte nur gesprochen werden, wenn etwas auf dem nonverbalen Weg nicht mehr zu erzählen ist. Der Umgang mit Sprache sollte für uns kostbarer werden. Insofern war der Versuch, einen Protagonisten ins Zentrum eines Films zu stellen, der sich vor allem über Körpersprache mitteilt, an der Zeit und eine sinnvolle Herausforderung.

Der Personenschützer: ein lebensgefährlicher Job und gleichzeitig ein sehr einsamer, außerhalb des gesellschaftlichen Lebens. Welche Eigenschaften müssen Personenschützer mitbringen?

Abgesehen von den physischen Voraussetzungen, wie körperliche Unversehrtheit, Fitness, der Umgang mit einer Schusswaffe sowie Reaktionsschnelligkeit, spielen wohl auch psychische Faktoren wie zum Beispiel mentale Stabilität eine Rolle. Ich kann nur mutmaßen, aber ich denke, der Personenschützer sollte kein Problem damit haben, im Hintergrund zu agieren und nicht im Mittelpunkt zu stehen.

Denken Sie, dass Personenschützer angstfreie Menschen sind?

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es völlig angstfreie Menschen gibt. Als Personenschützer stellt sich wohl eher die Frage, wie gehe ich mit meiner Angst um, so dass sie mich in meiner Konzentration und der Ausübung meiner Aufgabe nicht behindert, im besten Fall sogar unterstützt.

Als Personenschützer ist man sehr nah dran an der zu beschützenden Person. Wie viel Einblick in dessen Privatsphäre bekommt man in dieser Position?

Der Konflikt meiner Figur dreht sich genau um diesen Faktor. Zum einen gibt es den Ehrenkodex unter den Personenschützern, keine persönliche Bindung zu der Schutzperson zuzulassen, weil diese Nähe sie in den entscheidenden Momenten in ihrer Handlungsschnelligkeit beeinträchtigen könnte. Zum anderen ist es leichter gesagt als getan, wenn ein Personenschützer über Jahre hinweg seine Schutzperson auf Schritt und Tritt begleitet und zwangsläufig auch Privates, wahrscheinlich sogar Intimes, von ihr mitbekommt.

Ein Machtmissbrauch gegenüber seiner Freundin sorgt für den Zündstoff, der Jonas in tiefe Konflikte gegenüber seiner Schutzperson stürzt. Wie würdenSie persönlich mit solch einem Loyalitätskonflikt umgehen?

Ich hätte nach einigen schlaflosen Nächten wahrscheinlich ähnlich gehandelt wie Jonas, denn ich teile die Meinung nicht, dass Jonas beschädigt aus dieser Situation hervorgeht. Er handelt nach seinen moralischen Werten und ist letztendlich mit sich im Reinen, hat sich nichts vorzuwerfen. Darum schließt der Film auch mit seinen Worten: „Ich habe es für mich getan“. Ob das auch so gewesen wäre, wenn er zum Politiker gehalten hätte, wage ich zu bezweifeln.

Die Fragen stellte Silvia Schumacher.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text – und Bildquelle: ZDF, Fotocredit: ZDF/ Marion von der Mehden/Christine Schroeder/

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