Helen Schneider, geboren 1952, startete ihre Karriere nach dem Klavierstudium Ende der 1970er-Jahre als Musikerin. Seitdem tritt die New Yorkerin im Theater, in Musicals und in Filmen auf. Am 11. Mai ist sie im „Tatort“ aus Bremen „Solange du atmest“ (Das Erste) zu sehen. Im Interview spricht Helen Schneider über ihre Karriere, die „Tatort“-Rolle und und den Umgang mit ihren jüdischen Wurzeln angesichts der deutschen Vergangenheit.

Frau Schneider, seit Kurzem spielen Sie die Rechtsmedizinerin Edda Bingley im „Tatort“ aus Bremen. Wie kam es dazu?

Helen Schneider: Die Anfrage kam aus dem Nichts und ich dachte mir: Warum nicht? Die „Tatort“-Reihe ist eine Institution, und ich wollte sehr gerne sagen, dass ich dabei bin. Es ist eine kleine Rolle, aber sie macht Spaß, wird mit jedem Auftritt etwas größer und es ist immer mehr Humor dabei.

Was zeichnet Edda Bingley aus?

Schneider: Bingley ist sehr erfahren, sie hat unheimlich viel gesehen und erlebt. Sie ist ein Fels in der Brandung, manchmal aber auch etwas ungeduldig. Ich suche noch, wer sie ist und wie sie sich entwickelt. Ich glaube, sie ist nicht so weit entfernt von mir. Sie war frei und wild, jetzt ist sie älter und hat sich in ihrem Leben eingerichtet.

Man sieht Sie nicht nur im TV, gerade stehen Sie auch in New York auf der Theaterbühne: „Last Call“ handelt von den beiden größten Dirigenten ihrer Zeit.

Schneider: Das Stück beruht auf einer wahren Begebenheit: Leonard Bernstein und Herbert von Karajan trafen sich 1988 im Hotel Sacher in Wien. Ein Kellner, der dabei war, hat dem Autor Peter Danish davon berichtet. Und der hat sich überlegt, worüber die beiden gesprochen haben könnten.

Nämlich?

Schneider: Während von Karajan sehr orthodox darin war, wie er mit einem Werk umging, legte Bernstein die Grenzen der Interpretation sehr weit aus. Sie diskutieren auf der Bühne darüber, was möglich ist, wie sich ein Künstler verhalten soll. Im Stück geht es um universelle Themen: Wie gehen Menschen miteinander um, wie denken sie übereinander? Ich spiele Leonard Bernstein, die deutsche Schauspielerin Lucca Züchner verkörpert Karajan.

Erfolgreich Neues auszuprobieren ist typisch für Sie: als Rock- und Bluessängerin, als Theater-, TV- und Musical-Schauspielerin, Illustratorin und Hochschuldozentin. Wie entsteht diese Vielseitigkeit?

                                                         Ich stand immer vor der Frage: Wie kann ich Geld verdienen und dennoch tun, was ich liebe?

Schneider: Ich bin sehr neugierig. Wenn wir uns verändern – und dadurch auch unsere Interessen – finde ich das toll. Ich möchte immer Neues ausprobieren und versuchen, zu verstehen. Seit ich 17 war, bin ich beruflich irgendwie durchs Leben gekommen, musste flexibel sein. Ich stand immer vor der Frage: Wie kann ich Geld verdienen und dennoch tun, was ich liebe? Es gibt viele Möglichkeiten, man muss sie nur ausprobieren.

Hatten Sie keine Angst vor dem Scheitern?

Schneider: Ich will so gut wie möglich abliefern, dieser Perfektionismus bringt mich immer wieder in ängstliche Phasen. Dann sage ich mir: „Okay, Helen, was ist, wenn’s schiefgeht? Na und? Spring rein!“ Andere springen am Bungee-Seil von den höchsten Brücken für das besondere Gefühl. Ich habe es in meinem Beruf: Wenn ich Lampenfieber und Bedenken überwinden kann, ist das überwältigend.

Dass Sie nach Deutschland gingen, ausgerechnet hier Karriere machten, gefiel Ihrer überwiegend jüdischen Familie gar nicht. Haben Sie sich einfach durchgesetzt?

Schneider: Ja, denn ich identifiziere mich mit keiner formalen Religion. Meine Familie kam im frühen 19. Jahrhundert in die USA, zumeist aus Russland. Mein Großvater war Deutscher, von ihm kommt der Nachname Schneider. Ich bin in der vierten Generation New Yorkerin. Der Holocaust und alles, was damit verbunden ist, war für meine Familie schlimm. Aber ich wäre auch einer Einladung auf den Mars gefolgt und hätte Marsianisch gelernt, um im Fernsehen aufzutreten, einen Job zu bekommen. Wenn man dich einlädt, gehst du hin und bedankst dich, das ist künstlerisches Berufsverständnis.

Sie konnten die deutsche Vergangenheit ausblenden?

Schneider: Ich empfand es als Aufgabe meiner Generation, diese Kluft wieder zu schließen. Man muss einen Weg finden, gemeinsam vorwärtszugehen. Das war und ist meine Meinung. Das hat mit Verständnis füreinander zu tun, mit Menschlichkeit, mit Vergebung. Mit allem, was die Religionen predigen.

Wie hat sich das Verhältnis zu Ihrer Familie durch Ihre Überzeugung und diesen Schritt verändert?

Schneider: Mein Vater war Chemiker und verstand nie, warum ich in diesen verrückten Popkultur-Bereich ging. Für ihn stand ein Künstlerdasein für Armut, Leid und Tod. Wir rasten sehr lange wie zwei Stiere aufeinander zu, dann wurde er mein bester Freund und Berater. Dann sagte er auch: „Es ist völlig egal, was andere denken. Finde heraus, was für dich ordentlich und gut ist.“ Mein Vater war liberal und hatte ein großes Herz. Ich gebe weiterhin mein Bestes, um seine Worte zu erfüllen.

Sie waren 40 Jahre mit Ihrem Partner George zusammen, als er starb. Wie sind Sie aus dem Tief danach wieder herausgekommen?

Schneider: Mit großem Willen, mithilfe von Familie und Freunden, mit Schwierigkeiten. Wenn man Hilfe braucht, soll man sie sich holen. Man muss das wollen und Verständnis haben, dass man leidet und dass es manchmal dauert. Da zählt nur das eigene Zeitverständnis. Erst im fünften Jahr merkte ich, dass ich das Tief überwunden hatte. Aber es bleibt ein Verlust. Wenn euch jemand erzählt, das sei einfach: Das stimmt nicht!

Ihre Karriere erstreckt sich über fünf Jahrzehnte. Was haben Sie in dieser Zeit über sich selbst gelernt?

Schneider: Unheimlich viel. Meine Hoffnung ist, dass ich noch nicht fertig bin mit dem Versuch, zu verstehen, wer ich wirklich bin. Wir alle verändern uns, das hört ein Leben lang nicht auf. Manches war zu seiner Zeit gut für mich, ist es heute aber nicht mehr.

Sie sollen schon vor Ihrem 70. Geburtstag erzählt haben, dass Sie 70 seien. Um sich an die Zahl zu gewöhnen?

Schneider: Ende dieses Jahres werde ich 73. Also sage ich das schon im Sommer, so ist es an meinem Geburtstag kein Schock für mich. Mein 70. Geburtstag war der einzige, an dem ich dachte: „Das kann doch nicht sein!“ Jetzt ist mir völlig egal, wie alt ich bin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text – und Bildquelle: Senioren Ratgeber, Fotocredit: Wort & Bild Verlag/Fotograf: imago stockFuture Image

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