Von der ersten Beratung über eine Kinderwunschbehandlung zum Wunschkind – die moderne Kinderwunschmedizin bietet gezielte und auf die Patient*innen zugeschnittene Unterstützung.

Familie und Kinder stehen in unserer Gesellschaft nach wie vor hoch im Kurs. Bei der Mehrheit der Frauen (89 %) und Männer (85 %) regt sich bis zu einem Alter von 30 Jahren der Wunsch nach einem Kind (BMFSFJ 2020). Wenn der Kinderwunsch zunächst unerfüllt bleibt, können Kinderwunschzentren neben den betreuenden Frauenärzt*innen mit Beratung und modernen Behandlungsmöglichkeiten weiterhelfen. Was die Patient*innen im Kinderwunschzentrum erwartet und wie hoch die Erfolgsaussichten sind, darüber haben wir mit einem Experten für Kinderwunschbehandlungen gesprochen.

Der (weite) Weg zum Wunschkind

Viele Frauen haben einen ähnlichen Weg hinter sich. Im Alter zwischen 15 und 30 haben sie alles getan, um nicht schwanger zu werden. Zwischen 30 und 35 unternehmen sie alles, um ihren Traummann für die Familiengründung zu finden. Ab 35 beginnen Sie, den Wunsch nach Kindern und Familie in die Tat umzusetzen. Dr. med. David Sauer kennt die Geschichten der Patient*innen aus seinem Praxisalltag. Er verfügt als Facharzt für Gynäkologie mit Schwerpunkt Endokrinologie und Reproduktionsmedizin über langjährige Erfahrung auf diesem Gebiet. In welchem Alter die Patient*innen dann ins Kinderwunschzentrum kommen, ist nach Sauers Erfahrung regional durchaus unterschiedlich. Beim Erstgespräch sind die Patientinnen durchschnittlich älter als 36 und in den größeren Städten mit 37 noch etwas älter als in ländlichen Regionen.

Bei allen klappt es, nur bei uns nicht

Ungewollte Kinderlosigkeit wird immer noch als Makel empfunden und die Betroffenen fühlen sich isoliert. Dabei geht es vielen Paaren ähnlich: Ungewollt kinderlos sind in Deutschland 32 % der Frauen und Männer zwischen 20 und 50 Jahren (BMFSFJ 2020). Umso erstaunlicher erscheint vor diesem Hintergrund, dass von allen ungewollt Kinderlosen nur 25 % der Frauen und 20 % der Männer medizinischen Rat eingeholt haben (BMFSFJ 2020).

Für die Beziehungen kann ungewollte Kinderlosigkeit eine erhebliche Belastung darstellen. Hilfreich ist in dieser Situation ein aktiver Umgang damit (sachorientiertes Denken, offenes Sprechen darüber und zielorientierte Problemlösung), während Verdrängen Stress induziert (ESHRE 2015). Erfreulicherweise steigt die Zahl derer, die Hilfe im Kinderwunschzentrum suchen und erhalten – trotz Corona: Im Jahr 2020 nahmen 9 % mehr Paare als im Vorjahr eine Kinderwunschbehandlung in Anspruch (D·I·R Sonderauswertung 2020).

Es gibt zwei Wege, wie die Patientinnen ins Kinderwunschzentrum kommen. Die Überweisung vom Frauenarzt stellt den häufigsten Weg dar. Viele Frauen kommen, wie Dr. Sauer berichtet, aber auch von selber – vielleicht weil der Frauenarzt vor Ort gesagt hat, bei Ihnen sei soweit alles in Ordnung.

Was erwartet die Patient*innen im Kinderwunschzentrum?

Im Erstgespräch geht es meist darum, ein wenig zusammenzupuzzeln, was das Paar in der Vergangenheit davon abgehalten hat, schwanger zu werden. Der behandelnde Arzt geht dabei die infrage kommenden Punkte mit dem Paar durch. Dazu zählt, wie Dr. Sauer beschreibt, zunächst einmal das Alter der Frau – der entscheidende und wichtigste Faktor. Ähnlich wichtig sind Zyklusvorgeschichte und Hormonwerte. Hier kommt, so Sauer, das Anti-Müller-Hormon (AMH) ins Spiel, ein Hormonwert, den die Frauen häufig schon kennen. AMH wird bestimmt, um die Eizellreserve abzuschätzen. Weiterhin empfehlenswert sind ein Chlamydientest, eine Überprüfung der letzten Krebsvorsorge und des Impfstatus (nicht nur Corona, sondern auch Röteln und Windpocken). Vom Partner wird ein Spermiogramm benötigt. Sinnvoll ist auch eine Abklärung der Eileiterfunktion. Hinzu kommt die Erfassung von Lebensstilfaktoren, wie Rauchen, Ernährung und Gewicht. Gerade das Rauchen wird als wichtiger Faktor für das Schwangerwerden und -bleiben häufig unterschätzt. Dr. Sauer fasst zusammen, was auf die Paare zukommt: In Ruhe sprechen, i. d. R. Blutentnahme, Ultraschalluntersuchung der Frau, Spermiogramm beim Mann.

Die häufigsten Behandlungsverfahren

  • Hormonbehandlung zur Regulierung des Hormonhaushaltes und Stimulation der Reifung von Eibläschen (Follikel)
  • Samenübertragung (Insemination): Einbringen von aufbereiteten Spermien in die Gebärmutter
  • Künstliche Befruchtung (In-vitro-Fertilisation, IVF): Befruchtung außerhalb der Gebärmutter und Übertragung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter. Bei der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) wird ein Spermium direkt in die Eizelle eingebracht.

Wann wird welche Behandlung durchgeführt?

Die Wahl des Behandlungsverfahrens hängt wesentlich von den Voraussetzungen des Paares ab. Dr. Sauer erklärt dies anhand eines Beispiels: „Ein Paar, die Frau ist 33, der Mann 38, versucht seit 6 Monaten vergeblich schwanger zu werden, ohne dass bei der Frau medizinische Gründe für eine Unfruchtbarkeit bekannt sind. Wenn der Zyklus regelmäßig ist, so Sauer, finden wir in der Regel bei den Basishormonen keine groben Auffälligkeiten. Hier ginge es zunächst um den männlichen Faktor – auffälliges Spermiogramm – und bei der Frau um Faktoren, die die Eileiterfunktion beeinträchtigen (Rauchen, Voroperationen, Infektionen). Bei gutem oder nur leicht eingeschränktem Spermiogramm und normaler Eileiterfunktion könnte man eine Insemination planen. Man würde also nicht direkt mit einer künstlichen Befruchtung starten. Anders sieht es aus, wenn ein deutlich eingeschränktes Spermiogramm beim Mann vorliegt oder eine ausgeprägte Endometriose bei der Frau.“

Bei vielen Paaren, so die Erfahrung von Dr. Sauer, wird zeitnah oder schon initial eine künstliche Befruchtung empfohlen – vor allem, weil sich die Paare erst relativ spät an das Kinderwunschzentrum wenden. Bei einer Patientin, die älter als 36 Jahre ist, bestehen bei den Verfahren der künstlichen Befruchtung, IVF oder ICSI, einfach realistischere Chancen auf eine Schwangerschaft.

Wie läuft eine künstliche Befruchtung (IVF, ICSI) ab?

  • Steuerung des Menstruationszyklus: Hormonbehandlung, um einen unkontrollierten Eisprung zu verhindern
  • Stimulation der Eierstöcke, um mehrere Eizellen gleichzeitig heranreifen zu lassen
  • Einleitung des Eisprungs durch die Gabe von Hormonen
  • Entnahme von Eizellen (Follikelpunktion) und Gewinnung von Spermien
  • Befruchtung außerhalb des Körpers: Bei der IVF läuft die Befruchtung ebenso ab wie natürlicherweise, nur an einem anderen Ort. Bei der ICSI werden einzelne Spermien mit einer sehr feinen Nadel in die Eizellen eingebracht.
  • Übertragung der Embryonen in die Gebärmutter

Was gibt es Neues in der Kinderwunschbehandlung?

Bei der Planung und Durchführung einer Kinderwunschbehandlung ist es von zentraler Bedeutung, die individuellen Voraussetzungen der Patient*innen zu berücksichtigen. Noch einen Schritt weiter geht die Personalisierte Medizin: Sie strebt für jede Patient*in die bestmögliche Wirksamkeit bei möglichst guter Verträglichkeit an (vfa. Personalisierte Medizin). Dazu werden zunächst im Labor bestimmte Merkmale der Patient*innen wie z. B. die Höhe von Hormonwerten im Blut ermittelt. Daraus lässt sich ableiten, ob ein Medikament voraussichtlich wirkt, ob es voraussichtlich verträglich ist oder in welcher Dosierung ein Medikament am besten verabreicht wird (vfa-Positionspapier 2020).

In der Kinderwunschbehandlung spielt z. B. das Anti-Müller-Hormon (AMH) eine wichtige Rolle. Es erlaubt eine Aussage über die individuelle Eizellreserve. Zusammen mit dem Körpergewicht der Frau kann der AMH-Wert dazu dienen, die optimale Dosierung an follikelstimulierendem Hormon (FSH) für die Stimulation der Eierstöcke zu ermitteln.

Für die Stimulation der Eierstöcke im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung stehen unterschiedliche follikelstimulierende Hormone (Follitropine) zur Verfügung: Follitropine der nächsten Generation aus menschlichen Zelllinien (Follitropin delta) oder aus Hamsterzelllinien (z. B. Follitropin alfa). Follitropin delta wird im Sinne der Personalisierten Medizin – nach einem dafür zugelassenen Dosierungsschema anhand von Gewicht und AMH-Werten der Patient*innen individuell dosiert.

Für die Kinderwunschbehandlung stellt die auf die Patientin individuell zugeschnittene Dosierung nach Einschätzung von Dr. Sauer einen sehr wichtigen Punkt dar: Sie zielt auf eine ausreichende Zahl an Eizellen ab, die entnommen werden und anschließend zu einer Schwangerschaft führen. Auch für die Verträglichkeit der Behandlung spielt die individuelle Dosierung eine wichtige Rolle, nach dem Grundsatz ‚so viel Wirkstoff wie nötig, so wenig wie möglich‘. Aktuelle Forschungsergebnisse unterstützen diesen Behandlungsansatz (Qiao 2021). Die personalisierte Kinderwunschbehandlung wird – so die Erfahrung von Dr. Sauer – von den Patient*innen sehr begrüßt und gut angenommen.

Erfolgsaussichten: Ein Blick in die Statistik

Zahlen und Fakten aus dem Deutschen IVF-Register (D I R Jahrbuch 2020, Auszug 10/2021, Ausgabe 1)

  • Bisher wurden in Deutschland insgesamt 340.053 Kinder nach einer In-vitro-Fertilisation geboren.
  • Das mittlere Alter der Patientinnen liegt aktuell bei 35,6 Jahren, das der Partner bei 38,5 Jahren. Der Anteil der Patientinnen über 40 nimmt allerdings stetig zu.
  • Besonders interessant ist die kumulative Schwangerschaftsrate: Hierbei werden die Erfolgsraten der Zyklen in der Summe betrachtet: Während es nach dem ersten Transfer in 34,5% zu Schwangerschaften kommt, liegt die Rate nach vier oder mehr Transfers bei 70%.
  • In Deutschland und weltweit wird zunehmend nur ein Embryo in die Gebärmutter überführt: Single Embryo Transfer. Man nimmt dabei in Kauf, dass die Schwangerschaftsrate etwas geringer ausfällt, um das Risiko von Mehrlingsschwangerschaften zu senken. Die bei Mehrlingsschwangerschaften häufigen Frühgeburten stellen eine große, vermeidbare Belastung für Kinder und Eltern dar.

Krankenkassen übernehmen anteilige Kosten

Die Kosten für eine künstliche Befruchtung werden nach einem Drei-Säulen-Förderprogramm (Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherungen, Satzungsleistungen einzelner Krankenkassen sowie Landes-/Bundesmittel einzelner Länder) teilweise übernommen (D I R 2020). Bei gesetzlich versicherten heterosexuellen Paaren übernehmen die Krankenkassen für eine festgelegte Zahl an Behandlungen (8 Zyklen einer Insemination ohne vorherige hormonelle Stimulation, 3 Zyklen einer Insemination mit hormoneller Stimulation plus 3 Zyklen einer IVF oder einer ICSI-Behandlung) die Hälfte der Kosten (BZGA 2019).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle. Deutsches gesundheitsportal.de, Archivbild/Pexels